Bericht Resident: Lost in Nature VI

Bericht von bprodukt, abgedruckt im Resident.

Lost in Nature VI (28.-30 Juli 2006)

Zum sechsten Mal präsentierten Tsunami und WCC das ‚Lost in Nature’ Openair, das einzige Drum’n’Bass- und Jungle-Festival der Schweiz und mit Gästen wie Nicky Blackmarket, Klute, Doc Scott und Panacea grösser und internationaler als je zuvor.

Schon wenn man sich dem idyllischen, von drei Seiten mit Wald umgebenen Festivalgelände über den halsbrecherischen, jedoch gut beschilderten und ausgeleuchteten Zugang näherte, wurde klar, dass man sich hier auf etwas Spezielles einliess. Allerfreundlichste und trotzdem professionelle Begrüssung und Betreuung am Eingang, liebevolle Details wie eine Holzschaukel und schattenspendende Pavillons und die spürbare Leidenschaft aller Beteiligten, dem Publikum einen nachhaltigen Mehrwert zu vermitteln, machten das Festival zu einem Highlight in der nicht gerade kleinen Schweizer Openair-Landschaft.

Diese Leidenschaft und Liebe zum Detail übertrug sich auch auf die Stimmung des gesamten Anlasses. Überall freundliche und heitere Gesichter, sowohl beim Publikum als auch bei den Artists, die sich sichtlich wohl fühlten und zumeist überdurchschnittliche Sets und Konzerte ablieferten. Hier kam auch die grosszügig dimensionierte Anlage zum Zug und sorgte für Druck und glasklares Soundvergnügen.

Der Freitag startete mit zwei bzw. drei Newcomern, die von den drumandbass.ch Usern gewählt wurden: zuerst deadbybeats mit dem einzigen Dubstep-Set des ganzen Anlasses, und DnK, zwei jungen Baslern, die ihre Skills beeindruckend unter Beweis stellten. Weitere Highlights des Abends waren der Live-Auftritt von Morphologue, Secrets sehr abwechslungsreiches Set und Nicky Blackmarkets Auftritt, der wegen Ray Keiths Ausfall (der einzige gecancelte Act des ganzen Festivals!) gleich vier Stunden am Stück rockte – was vielen ein wenig zu lang war. The Dean Sonics schafften es nachher trotzdem, das Energielevel nochmals anzuheben und spielten einen sehr harten, basslastig-breakigen Mix, der perfekt zu Mias nicht weniger harten, rollenden Platten überleitete. Danach war für viele erst mal Schlafen angesagt, obwohl sich die Sets bis Sonntag Mittag nahtlos aneinander reihten.

Der Samstagmorgen begann dann mit dem wunderbar entspannten, karibischen Auftritt des Reggae Riot Soundsystems, gefolgt von den leichten, dem sonnigen Wetter entsprechenden Sets von Chillinfinity, Forster, Yesmate und L4P, der von diesen vieren am meisten beeindruckte, einerseits wegen der Bandbreite seines Mixes, andererseits wegen der perfekt sitzenden, aber immer wieder überaschenden Trackauswahl. Anschliessend eine längere Phase, die ich hauptsächlich als sehr leise (die Polizei kam an diesem Tag mindestens dreimal lautstärkehalber vorbei) und musikalisch eher verwirrend wahrnahm, bis urplötzlich am frühen Abend von Broncobitch und Klute wieder Energie und mixtechnische Brillanz versprüht wurde. Doc Scott hatte danach einen schweren Stand, schien trotz 2-Stunden Slot nicht wirklich in Fahrt zu kommen und wurde von Panacea abgelöst, der an diesem Festival schon bald Residentstatus geniesst und ein ungewohnt tanzbares, flüssig gemixtes Set kombiniert mit exzellenten Entertainerqualitäten zum Besten gab. Auch hier hätte ein bisschen mehr Lautstärke kaum geschadet, die Tanzwiese leerte sich langsam aber stetig. Jolie Roger und das LXC Soundsystem brachten zwar noch einige Beine zum Zucken, danach war für viele jedoch endgültig Sense, so dass die letzten Sets fast ungehört verpufften. Schade eigentlich. Aber keineswegs überraschend, wenn man bedenkt, dass bis Sonntag Mittag durchgehende 43 Stunden gemixt, gespielt und visualisiert wurde. So kann man sich abschliessend nur dazu gratulieren, bei diesem Ereignis dabeigewesen zu sein und hoffen, dass die Veranstalter die Gratwanderung zwischen familiärer Atmosphäre und höchsten organisatorischen Ansprüchen auch weiterhin mit Bravour bewältigen.